Warum "World of Warcraft" nur noch nervt

- harte Ansage von Spiegel.de

Quelle, Spiegel.de

Von Denis Krick

"World of Warcraft" macht keinen Spaß mehr. Das Riesen-Rollenspiel wurde immer einfacher und komfortabler, erfolgshungrige Einzelgänger kämpfen sich heute in rasantem Tempo durch Abenteuer ohne Reiz - und die Nutzerzahlen schwinden. Abrechnung mit einer einst geliebten Spielwelt.

Die Maya haben in ihrem Kalender für 2012 den Weltuntergang prophezeit. Als Freund von Katastrophenfilmen weiß man, welche unangenehmen Nebenwirkungen solch ein finales Großevent mit sich bringt. Die guten Sitten verrohen, jeder ist sich selbst der Nächste - und am Ende setzt eine Massenflucht (wohin auch immer) ein. Es gibt eine Welt, auf die diese Prophezeiung zutrifft: die "World of Warcraft".

 

Seit sieben Jahren dominiert das Online-Rollenspiel aus dem Hause Activision Blizzard den Markt der Massively Multiplayer Online Games (MMO). Über zwölf Millionen Abonnenten hatte "World of Warcraft" (WoW) einmal. Doch die Zahlen sind längst rückläufig. Im vergangenen Jahr verlor das Spiel nach Herstellerangaben knapp 1,8 Millionen Kunden. Auch meine Mitgliedschaft ist im vergangenen Monat ausgelaufen. Für immer.

Computerspiele haben seit jeher ein Verfallsdatum. Grafik und Sound veralten, so wird ein Spiel irgendwann uninteressant. Mein wehmütiger Abschied von "WoW" hat aber nichts mit solchen oberflächlichen Faktoren zu tun. Im Gegenteil: Das MMO lief seit fast sieben Jahren problemlos und ruckelfrei auf meinem heute betagten Rechner. Die Animationen waren bis zum letzten Tag flüssig, die Spielwelt farbenprächtig. Doch "WoW" ist von einem anspruchsvollen Rollenspiel zur langweiligen Beschäftigungstherapie mutie

Taktik ist nicht mehr nötig

Blizzard hat die Gelegenheitsspieler, die Casuals, zur neuen Zielgruppe auserkoren. Diejenigen, die nur wenig Zeit in der virtuellen Welt verbringen, aber trotzdem alles sehen und erleben möchten, was "WoW" bietet. Innerhalb weniger Jahre wurde der Schwierigkeitsgrad des Spiels auf ein Minimum gesenkt, fast alle Komponenten, die vermeintlich unnötig Zeit fraßen, wurden entfernt. Jeder Abonnent soll möglichst schnell und ohne große Hürden in den Genuss des sogenannten Endgame kommen und die Maximalstufe 85 erreichen können.

Auch ich habe wenig Zeit zum Spielen und verdiene das Stigma "Casual Gamer". Verstanden fühle ich mich trotzdem nicht von Blizzard. Die Gegner stellen keine Bedrohung mehr da. Der Erhalt legendärer Waffen, erhabener Titel oder besonderer Fähigkeiten ist keine Frage mehr des Könnens, sondern nur der Spielzeit. Taktik beim Kampf ist bis zum Endgame nicht mehr nötig. Häufig reicht das wahllose Tastendrücken, um sich der Gefahren der Kriegswelt zu entledigen. Der Spielspaß ist auf der Strecke geblieben.

Als besiegte man einen Sechsjährigen im Armdrücken

Es ist, als träte man gegen Schachcomputer auf niedrigster Schwierigkeitsstufe an. Oder gegen einen Sechsjährigen im Armdrücken. Am Ende ist man zwar ungeschlagen, aber eine wirkliche Großtat ist das nicht.

Blizzard hat sich verhalten wie eine willensschwache Mutter, deren Kind an der Supermarktkasse schreiend nach Süßigkeiten verlangt: Das Unternehmen hat seiner quengelnden Kundschaft fast alles gegeben, wonach sie verlangt hat. Jahrelang meckerten die Spieler in den Foren, dass irgendeine Klasse oder Rasse zu schwach oder stark sei, irgendwelche Aufgaben zu schwer oder zeitaufwendig seien. Jahrelang mühten sich die Entwickler ab, darauf zu reagieren. Das Ergebnis der Anstrengungen ist eine Welt, in der die Charakterklassen inzwischen fast alle Aufgaben alleine bewältigen. Krieger und Schurken können sich inzwischen selbst heilen, Priester und Paladine ordentlich Schaden austeilen.

Früher mussten sich diese Archetypen ergänzen, sich suchen, finden und dann Aufgaben gemeinsam erledigen. Man tat das, was dem Multiplayer-Spiel seinen Namen gibt - man spielte mit anderen Menschen zusammen. Heute gilt das Suchen und Finden in "WoW" als reine Zeitverschwendung. Komplexe Quests, für die man Unterstützung benötigt, sind fast vollständig aus dem Spiel verschwunden. Für Mehrspieler-Instanzen, Schlachtfelder und Schlachtzüge wurden Server-übergreifende Tools wie der Dungeonfinder geschaffen, die einen teilweise innerhalb von wenigen Sekunden mit Spielpartnern versorgen.

Gegrüßt wird nicht mehr, dafür mehr gepöbelt

Der Aufenthalt in "WoW" ist dadurch zu einem unpersönlichen Egotrip verkommen. In den zufällig zusammengewürfelten Gruppen ist sich jeder selbst der Nächste. Das Ziel ist nicht mehr das gemeinsame Erleben, sondern das zügige Durchspielen der Instanzen. Selten wird dabei kommuniziert, nicht mal ein "Hallo" oder simples "Hi" zu Beginn ist selbstverständlich. Dafür wird mehr gepöbelt.

Mit der Einführung des Gruppensuche-Tools verödeten auch zahlreiche Regionen. Fast niemand reist mehr durchs Land, stattdessen warten Heerscharen von Spielern in den Hauptstädten der virtuellen Welt darauf, bequem in die Multiplayer-Instanzen, Arenen und Schlachtfelder teleportiert zu werden.

Das relativ neue Phasing, bei dem Spieler sich unsichtbar voneinander auf verschiedenen Zeitebenen im gleichen Gebiet befinden, sorgt dafür, dass von einer massiven Zahl von Spielern nichts zu sehen ist - und ein Zusammenspiel unmöglich gemacht wird.

Der Mangel an Fairplay wird toleriert

Außer dem Gameplay hat auch die Spielkultur arg gelitten. Mit dem sogenannten Wintrading, bei dem man den Ausgang von Spieler-gegen-Spieler-Kämpfen abspricht, werden Arena-Ranglisten manipuliert, um glorreiche Titel und Ausrüstung zu erschummeln. Multiboxer - so nennt man Schlaumeier, die mehr als einen "WoW"-Account simultan bedienen - verzerren den Wettbewerb auf den Mehrspieler-Schlachtfeldern. Dieser Mangel an Fairplay wird von Blizzard nicht nur toleriert, sondern als legal betrachtet. Schließlich spült jeder Account Abo-Gebühren in die Kassen.

Trotz kaum vorhandener Schwierigkeit haben es WoW-Neulinge nicht leicht. Allzu hilfsbereit ist die Community nicht mehr. Anfänger halten doch nur auf.

Bei Blizzard versuchen die Verantwortlichen derweil, neue Märkte zu erschließen. Nach der portugiesischen Sprachversion, die hauptsächlich in Brasilien für Umsatz sorgt, sollen nun die Italiener ihr eigenes "WoW" bekommen. Der bestehende Abonnentenstamm wird mit Jahresmitgliedschaften geködert, bei denen es das neue Blizzard-Spiel "Diablo 3" gratis obendrauf gibt. Fast schon eine Verzweiflungstat. Viel geholfen hat das bislang nicht: Im vergangenen Quartal 2011 verlor "WoW" weitere 100.000 Spieler. Das Ausbluten wurde nicht gestoppt, nur verlangsamt.

Kung Fu Panda und Pokémon

Den Grund für den Spielerschwund glaubt das Unternehmen ausgemacht zu haben: Das Endgame der vorherigen Erweiterung "Cataclysm" sei zu schwer gewesen. Dementsprechend wird nachgebessert. Mehr Langeweile ist zu befürchten.

Mit dem nächsten Add-on soll alles schöner werden. "Mist of Pandaria" wartet mit einer pandabärigen Rasse auf, die Kung Fu beherrscht. Weiterhin wird es eine Arena geben, in der die Spieler ihre gesammelten Haustierchen in den Kampf schicken können. Kung Fu Panda und Pokémon in der Kriegswelt. Es fehlt nur noch, dass man hier bald mit verärgerten Vögeln um sich schießen kann.

Das große Glück von Blizzard ist bis heute, dass es kaum wirkliche Alternativen auf dem MMO-Markt gibt. Das hoch gehandelte "Star Wars: The Old Republic" etwa erfüllte bislang nicht die Erwartungen - und richtet sich ebenfalls an Casual Gamer.

Wer sich heutzutage in "WoW"-Foren über den derzeitigen Zustand des Spiels beschwert, sich über die fehlende Komplexität und Schwierigkeit beklagt, der wird schnell beschimpft und im besten Fall als Nostalgiker bezeichnet. Früher sei keineswegs alles besser gewesen, heißt es dann. Wenn es einem nicht passe, dann sollte man doch bitte gehen.

Ist hiermit geschehen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, der Maximallevel bei "World of Warcraft" betrage 80. Derzeit liegt er jedoch bei 85. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.